Zwar scheint das größte Ausmaß der Krise in 2010 hinter uns zu liegen, aber für den Einzelhandel ist in diversen Ländern weiter von schwierigen Rahmenbedingungen auszugehen. GfK GeoMarketing Einzelhandelsexperte Olaf Petersen stellt im Folgenden die relevanten Rahmendaten für den europäischen Einzelhandel für 2009 sowie Prognosen zur Umsatzentwicklung für das Jahr 2010 dar.
Wie auch der Arbeitsmarkt ist die Einzelhandelsbranche typischerweise keine Lokomotive, sondern eher ein Nachzügler der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Orientierung tut also Not! Mit unseren Daten, Fakten und Prognosen wollen wir einen Ausblick und einen Beitrag zu mehr Transparenz in den vielfältigen und spannenden Märkten des europäischen Einzelhandels geben!
Einzelhandelsumsatz
Der Einzelhandelsumsatz der EU29**, inklusive Kroatien, Russland und der Türkei, umfasst 2.764 Mrd. €. Er war 2009 in fast allen Ländern Europas rückläufig. Ausnahmen waren lediglich Belgien (+0,3%), Österreich (+2,1%) sowie die Schweiz (+6,0%) – wobei das hohe Wachstum bei den Eidgenossen im Wesentlichen wechselkursbedingt ist.
Bezogen auf die Größe der Märkte ragen die TOP 3 Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit Werten von knapp 400 Mrd. Euro heraus. Ein Einzelhandelsvolumen von über 200 Mrd. Euro ist für Russland, Italien und Spanien festzustellen. Werte um die 100 Mrd. Euro erreichen die Türkei und die Niederlande. Auf die übrigen 24 betrachteten Staaten entfällt ein Einzelhandelsumsatz von 689 Mrd. Euro.
Konsumausgaben
Bei allen Angleichungstendenzen, die zweifellos in den letzten Jahren festzustellen sind, fällt auf, dass das Ausgabeverhalten der privaten Haushalte in Europa noch immer stark variiert. Besonders augenfällig ist dieser Sachverhalt am Beispiel der beiden Schwergewichte Frankreich und Deutschland: Frankreich hat mit gut 60 Millionen Einwohnern den annähernd gleichen Einzelhandelsumsatz wie die über 80 Millionen Konsumenten im benachbarten Deutschland.
Die niedrigsten Anteile des Einzelhandelsumsatzes an den privaten Konsumausgaben – mit Werten von unter 30% und weniger – finden sich in Italien, Deutschland und Griechenland. Mit 31% liegen Österreich, die Schweiz sowie die Slowakei geringfügig darüber. Demgegenüber ist die mit Abstand höchste Einzelhandelsquote für Russland (61%) festzustellen. Anteile von etwa 45% sind in Bulgarien, Estland, Ungarn, Kroatien sowie Slowenien zu registrieren. Die Ursachen für das bemerkenswert unterschiedliche Ausgabeverhalten in Europa sind vor allem im unterschiedlichen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung und des Wohlstandes, aber auch in den stark variierenden Einkaufskulturen und Lebensstilen zu sehen.
Voraussichtlicher Einzelhandelsumsatz 2009 / 2010
Für 2010 ist gegenüber dem Vorjahr eine merkliche Verbesserung der Einzelhandelskonjunktur zu erwarten. Allerdings relativierte das Krisenjahr 2009 das Vergleichsniveau natürlich deutlich. GfK GeoMarketing erwartet für 2010 also für insgesamt 14 europäische Länder wieder zunehmende nominale Einzelhandelsumsätze. Die positiven Entwicklungen in der Türkei (+ 8,5%) und Russland (+ 2,5%), den beiden Ländern mit dem höchsten nominalen Umsatzwachstum, werden jedoch durch eine relativ hohe Geldentwertung konterkariert. Die übrigen ‚Plus‘-Staaten verzeichnen nur ein geringes nominales Wachstum bis gut 2%.
Eine stagnierende Entwicklung um die 0-Linie wird für sechs Staaten erwartet – darunter auch die beiden großen Märkte Frankreich und Italien. Für immerhin 11 Staaten zeigt der Umsatzpfeil allerdings immer noch nach unten, darunter die großen Märkte Deutschland (-2,4%), Großbritannien (-1,3%) und Spanien (-1,5%). Klare Schlusslichter in der Umsatzerwartung für 2010 sind die beiden baltischen Staaten Litauen und Lettland. Die für Griechenland erwartete Umsatzveränderung von -2,5% steht unter dem Vorbehalt, dass zum Prognose-Zeitpunkt die konkreten Maßnahmen zur Bewältigung der griechischen Euro-Krise noch nicht absehbar waren.
Verkaufsflächenausstattung
Ein wesentliches Kriterium beim Vergleich der nationalen Einzelhandelsstrukturen innerhalb Europas stellt die Verkaufsflächenausstattung pro Kopf dar. Im Jahr 2009 sind hier trotz europäischem Binnenmarkt und Einigungsprozess noch erhebliche Unterschiede festzustellen.
Die Länder mit der höchsten Verkaufsflächenausstattung sind in Mitteleuropa beheimatet, wobei die Spitze durch Österreich und die Niederlande markiert wird – mit Werten um 1,6 m²Verkaufsfläche je Einwohner. Am anderen Ende der Skala stehen Russland, Bulgarien und die Türkei mit unter 0,6 m² je Einwohner.
Es sei jedoch betont, dass sich die Verkaufsflächenausstattung innerhalb der einzelnen Staaten zwischen zentralen und peripheren Regionen höchst unterschiedlich darstellt. So sind für viele Handelsmetropolen in Zentral- und Osteuropa schon erhebliche Überkapazitäten festzustellen.
Flächenleistungen
Wie stark der Einzelhandel ein ‚local business‘ ist, wird kaum an einer anderen Kennziffer so deutlich wie an der durchschnittlichen Verkaufsflächenproduktivität, d.h. dem Umsatz je Quadratmeter Verkaufsfläche. In 2009 steht wieder einmal Luxemburg an der Spitze, mit durchschnittlichen 7.000 Euro Umsatz je Quadratmeter Verkaufsfläche. Norwegen und Irland belegen Rang 2 und 3 bei der Flächenproduktivität. Die geringsten Werte mit ca. 2.000 Euro haben wir für Rumänien, Polen, Litauen und Ungarn ermittelt.
Überhaupt ist darauf hinzuweisen, dass die zentral- und osteuropäischen Länder – mit Ausnahme von Slowenien – durchgehend Flächenleistungen aufweisen, die klar unterhalb der Werte im übrigen Europa rangieren. Aber auch zwischen den großen EU-Staaten besteht eine große Bandbreite, die von 6.100 Euro in Frankreich über 4.800 Euro in Großbritannien bis hin zu 4.200 Euro in Italien und 3.400 Euro in Deutschland reicht.
Zur Studie
Die Berechnungen zu Umsätzen und Kaufkraft erfolgten alle in Euro ausgehend vom durchschnittlichen Wechselkurs der Landeswährung im Jahr 2009 (laut EZB). Der Informations- und Datenstand ist März 2010 (d.h. der „Interim Forecast February 2010“ der EU-Kommission ging mit ein). Die gesamte Studie wurde im Auftrag des ESCT (European Shopping Center Trust) durchgeführt und auf der ICSC-Tagung Ende April in Prag vorgestellt. Die Studie ist als 12-seitiges, englischsprachiges Kompendium auf Anfrage bei GfK GeoMarketing erhältlich.
Olaf Petersen, Management Board GfK GeoMarketing
o.petersen(at)gfk-geomarketing.com
Sie erhalten die Studie bei:
Alexandra Deutsch
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